Aktuell | Interview
Kindesmissbrauch
Die dunkle Seite der Sexualität
Prof. Dr. med. Hartmut A.G. Bosinski,
Sektion für Sexualmedizin,
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel;
Leiter des Kieler Dunkelfeld-Projekts
Es vergeht kaum noch ein Tag ohne Enthüllungen über Missbrauchsfälle. Ist in den letzten Jahren eine Zunahme zu erkennen?
Bosinski: Die Häufung der Meldungen verwundert eigentlich nicht, wenn man bedenkt, dass ca. 8% aller Mädchen und 3% aller Jungen in ihrer Kindheit, also zwischen Geburt und 14. Geburtstag, sexuell missbraucht werden. Das sind immerhin pro Jahr in Deutschland ca. 70 000 Kinder. Von diesen Taten wird nur knapp ein Fünftel angezeigt. In diesem Hellfeld sehen wir keine Zunahme, sondern tendenziell sogar eine Abnahme. Die heutigen Anzeigezahlen für ganz Deutschland liegen etwas niedriger als jene für die alte Bundesrepublik in den 1950er- und 1960er-Jahren. Und die Anzeigebereitschaft ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen. Insofern können wir also nicht von einer Zunahme, wohl aber von einer gesteigerten Wahrnehmung dieser dunklen Seite der Sexualität ausgehen.
Sind die Täter alle pädophil veranlagt?
Bosinski: Nein. Wir müssen zwischen Neigungstätern einerseits und Ersatz- oder Gelegenheitstätern andererseits unterscheiden. Neigungstäter sind Männer, die aufgrund einer Pädophilie ihre Taten begehen. Im Hellfeld, also bei den justizbekannten Fällen, machen sie etwa die Hälfte der Täter aus. Hier haben wir es oft mit Fremdtätern zu tun, die öfter angezeigt werden als Täter aus dem familiären Nahraum. Bei diesen handelt es sich weitaus häufiger um Ersatz- oder Gelegenheitstäter, die eigentlich auf altersadäquate Sexualpartner orientiert sind, ihre innerfamiliäre Machtstellung und den unkontrollierten Zugang zum Kind aber zum Missbrauch ausnutzen.
Wie häufig sind pädophile Neigungen?
Bosinski: Die Berliner Männerstudie des Kollegen Klaus Beier von der Charité hat gezeigt, dass knapp 1% der erwachsenen Männer sexuell durch Kinder erregt werden und diese Neigung teilweise auch schon ausagiert haben. In Deutschland wären das dann immerhin rund 250 000 reale oder potenzielle Täter.
Worauf könnte Pädophilie zurückzuführen sein?
Bosinski: Die Ursachenforschung steckt noch in den Anfängen, wir müssen hier deutlich zulegen. Was wir sicher sagen können, ist, dass niemand sich seine sexuelle Orientierung aussucht und dass es die Ursache der Pädophilie nicht gibt, sondern wir es mit einem Konglomerat von biologischen und psychosozialen Faktoren zu tun haben. Insofern ist interdisziplinäre Forschung auf hohem Niveau gefordert.
Welche Rolle spielen Institutionen wie Kirche oder Internate? Sind sie die Ursache für eine Verstärkung der Veranlagung oder suchen sich pädophil veranlagte Männer gezielt oder unbewusst eine solche Umgebung?
Bosinski: Systeme, die ungehinderten Zugang zu Kindern in einer Position der Macht und Kontrolle ermöglichen, ziehen Pädophile naturgemäß stark an. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass alle Täter, von denen jetzt die Rede ist, pädophil sind. Für eine solche Behauptung wissen wir viel zu wenig über die Einzelfälle.
Wie kann man verhindern, dass Pädophile sich an Kindern vergehen?
Bosinski: Gänzlich verhindern wird man das leider nie können. Zunächst scheint es mir aber sinnvoll, sich Männer, die sich für eine solche Arbeit mit Kindern, sei es als Erzieher, Pfleger, Betreuer, Trainer oder Ähnliches bewerben, genauer anzuschauen: Warum sollte man nicht ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis von ihnen verlangen? Weiterhin ist es geboten, mehr niedrigschwellige und vor allem sexualmedizinisch qualifizierte diagnostische und therapeutische Angebote bereitzuhalten für Männer, die pädophile Neigungen bei sich verspüren. Wir haben da eine eklatante Versorgungslücke, lediglich an der Berliner Charité und am Kieler Uni-Klinikum gibt es das Dunkelfeldprojekt Kein Täter werden. Seit Start unseres, am Berliner Projekt orientierten Behandlungsangebots im März 2009 haben sich bis zum Februar 2010 85 Männer über unsere Telefon-Hotline oder via E-Mail gemeldet; mit 25 von ihnen konnte ein Diagnostiktermin vereinbart werden, zehn nahmen eine Behandlung (anonym und unter dem Schutz der ärztlichen Schweigepflicht) in unserer Einrichtung auf.
Es fehlt aber auch an qualifizierten Hilfsangeboten für die Opfer: Sie haben ein Anrecht darauf, gehört zu werden und Hilfe zu erhalten. Viel zu oft sind sie noch auf sich allein gestellt. Insofern erhoffe ich mir deutliche Verbesserungen von dem nun auf Regierungsebene etablierten runden Tisch.
Interview: Dr. med. Kirsten Westphal
"Kein Täter werden"
Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld
Die Berliner Charité und das Kieler Uni-Klinikum bieten im Rahmen des Forschungsprojekts Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld therapeutische Hilfe für Männer an, die auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien haben, aber keine Übergriffe begehen wollen.
Pädophilie und sexueller Kindesmissbrauch sind stark emotional besetzte Themen, die in den Medien oft skandalisiert werden. Betroffene für das Projekt zu gewinnen, eine differenzierte Berichterstattung in den Medien zu etablieren und Akzeptanz für das umstrittene Forschungsprojekt waren die Ziele der erfolgreich umgesetzten pro-bono-Kampagne Kein Täter werden: Eine sachliche Darstellung der Thematik in 140 TV- und Hörfunkbeiträgen und über 400 Print-Artikeln (national und international) sowie kostenlose Medienschaltungen mit einem Mediawert in zweistelliger Millionenhöhe sorgten dafür, dass sich bereits über 1000 Betroffene hilfesuchend allein an das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin des Universitätsklinikums Charité in Berlin wandten, wo das Projekt seit 2005 unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Michael Beier durchgeführt wird. Innerhalb von drei Jahren konnten politische Entscheidungsträger von der Notwendigkeit einer präventiven Therapie zum Schutz von Kindern überzeugt werden. Mit der Unterstützung von Bundesjustizministerin Zypries bewilligte der Deutsche Bundestag die finanzielle Förderung des Projekts. Die Kinderschutzorganisation Hänsel + Gretel und die VolkswagenStiftung unterstützen das Projekt von Beginn an.
Mehr Infos unter: www.kein-taeter-werden.de

